Unser Vater

Betest du manchmal? Hattest du auch schon das Gefühl, du findest die richtigen Worte nicht? Oder kennst du es, viele Worte machen zu wollen, um dich zu erklären? Wer beim Beten ausreichend Worte macht, steigert schliesslich die Chance, dass Gott ihn versteht und dann hoffentlich erhört?  

In Matthäus-Evangelium wird übers Beten gesprochen. Und niemand weniger als Gott selbst erklärt uns, wie Beten geht. Er wünscht sich dabei ausdrücklich nicht viele Worte von uns. Er zeigt uns in Jesus, was ihm gefällt. Nicht schöne Worten und ausgeschmückte Sätze – er sucht nach Herzen, denen bewusst ist, dass Gott immer im Voraus weiss, was wir benötigen. Und genau diese Lektion lernen wir, wenn wir das „Vater Unser“ verinnerlichen und auf uns wirken lassen. 

Es ist ein auf den ersten Blick schlichtes, kurzes Gebet. Und hat da vielleicht manchmal die Reihenfolge etwas gelitten, als es spontan von Jesus in der Bergpredigt zitiert wurde?! Kann denn Jesus tatsächlich wollen, dass wir noch vor den geistlichen Angelegenheiten übers tägliche Essen und unsere Bedürfnisse sprechen? 

Es würde mir gar nicht entsprechen, die rhetorischen Fähigkeiten von Gottes Sohn anzuzweifeln. Wer dessen Reden und Schweigen aufmerksam liest: Jesus muss über jedes Wort im Voraus nachgedacht haben. Seine Worte sind so gehaltvoll und wohlüberlegt, dass der Meister der Worte selbst darin erkennbar ist.  
 
Wir müssen uns eher die Frage gefallen lassen, ob wir denn erkennen, was Jesus in dieses Muster-Gebet alles verpackt hat. Im Song habe ich mich dieser Herausforderung angenommen den Inhalt in Reimform zu verpacken und dabei den Sinn möglichst so aufzuschlüsseln, dass er für uns beim Singen möglichst greifbar werden kann. Ich hoffe, dass es uns animiert, dieses Gebet zu einem täglichen Ritual zu machen. Nicht als Leiergesang, sondern mit vorbereitetem offenem Geist und Herz. 
 
Es sind scheinbar einfache Worte.  
 
Als erstes soll der Blick auf Gott gerichtet sein. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Wer das betet, inkludiert sich beim Beten dieser Worte. Unweigerlich folgt der Gedanke: Und was ist mein Teil? Was muss ich tun, damit sein Wille geschieht? Was sollte ich tun, damit sein Reich kommt? Die Antwort liegt nicht weit weg. Es wäre jedoch falsch zu sagen, sie sei einfach: Gottes Wille ist uns gezeigt an vielen Orten in seinem Wort, nämlich Gutes zu tun, ihn zu lieben und den Nächsten zu lieben, sein Wort zu halten, auf seine Gebote zu achten. Da beten wir also tatsächlich etwas Herausforderndes, nämlich unsere tägliche Berufung, Gott zu dienen. Wir verschmelzen unsern Willen mit dem Willen des himmlischen Vaters.  
 
Unser tägliches Brot gibt uns heute. Damit ist das Nötige gemeint, alles, was wir halt dringend zum Leben brauchen. Wenn jemand davon etwas fehlt, wird ihm dies an dieser Stelle zur echten Bitte. Während ein anderer dabei erkennt, wie reich beschenkt er bereits ist. Beides lässt uns in der Abhängigkeit zu Gott unsern Besitz betrachten. 

Und danach gehört offenbar die Reinigung unseres Herzens unmittelbar zur lebenswichtigen Versorgung dazu. Das unmittelbar gefolgte “Und”, nämlich Und vergib uns unsere Schuld lässt aufhorchen. Dem Gebet ums Essen folgt das Gebet um Vergebung. Wir scheinen dies sehr nötig zu haben. Denn hier wird es in einem Atemzug an die Bitte um Versorgung angehängt. Und sollten wir gerade wieder einmal vergessen haben, auch unseren Mitmenschen zu vergeben, werden wir hier an dieser Stelle durch ein gefordertes Bekenntnis erinnert, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Wie Gott mir, so ich dir. Anders geht es nicht. Diese Bedingung wird auch an anderer Stelle deutlich. Und so hat es Jesus kurzum als verbindliche Aussage eingebaut. 

Zusammenfassend könnte man hier bereits anmerken: Gott wünscht sich für uns, dass wir frei sind. Frei von Sorgen in unserem ganzen Menschsein und von Schuld an unserem inneren Menschen an jedem neuen Tag. 

Und führe uns nicht in Versuchung. Kann Gott uns in Versuchungen hineinführen?  
Wenn ich vom Sinn her überlege, wird darin der Wunsch geäussert, nicht in Versuchungen geraten zu wollen. Ich habe den Satz so formuliert, dass darin um die Kraft und Bewahrung Gottes gebeten wird, der Versuchung nicht folgen zu müssen. Gleichzeitig habe ich auch die Entscheidung des Menschen, ihr nicht folgen zu wollen, zum Ausdruck gebracht. Denn auch das kommt in diesem Satz zum Ausdruck. Dass so offen über ein gern verschleiertes Thema gesprochen wird, ist beeindruckend. Keiner als Jesus weiss besser, dass wir alle davon betroffen sind. Indem dies beim Beten ungeschminkt zum Thema wird, nimmt es der Versuchung bereits ein Stück Macht. Gleichzeitig werden wir sensibilisiert und sind dadurch hoffentlich besser gewappnet, wenn wir direkt davorstehen.  
 
Sondern erlöse uns von dem Bösen. Dem folgt der Wunsch, von Bösem gerettet werden zu wollen. Wie wichtig, denn das Böse umgibt uns überall und steckt in uns drin. Wir brauchen Erlösung. Jeden Tag neu. Es ist nie vorbei, diesen Satz beten zu müssen. Die ganze Schöpfung seufzt der Erlösung entgegen.  
 
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Wie das Gebet begonnen hat, hört es auf. Mit Gottes Reich und einer Perspektive, die weit über das Diesseits hinausreicht. Dieser Blick zeigt in eine andere Welt und macht uns deutlich, dass wir auf etwas Höheres zugehen.  
Denn dieses andere Reich, dieses Gute, Reine, Vollkommene gehört Gott. Ihm allein und er wohnt dort. Und die Herrlichkeit ist in Ewigkeit dort, wo er ist. Und wir gehören zu ihm, in dieses Reich ohne Sorgen und Armut, ohne Streit, Sünde und ohne das Böse. Wir gehören zu ihm, der immer war und ist und ewig bleibt in alle, alle, alle Ewigkeit.